Schichtungen 1986 – 1990

«Wenn ich eine Reise mache, suche ich mir sorgfältig Orte aus, an denen ich mich aufhalten will», sagt Cristina Fessler. Die Anziehungskraft mancher Punkte wird sie länger verweilen lassen oder aber den Wunsch zur Rückkehr in ihr wecken. Auch im Leben prüfen wir immer wieder Orte, ob sie für ein Zuhausesein taugen. Diese Grunderfahrung hat die Künstlerin auf ihre Arbeitsweise übertragen. Der Atelierboden wird mit Leinwand ausgelegt zum «Feld», aufdem sich die Künstlerin die Punkte sucht, an denen ihr ein Aufenthalt möglich scheint. Diese markiert sie zunächst mit ihrem Körper. Die Schichtarbeit kann beginnen. In immer neuen Gängen hinterlässt sie ihre Spuren auf der Leinwand. Dafür verwendet sie erd- oder naturverbundene Materialien wie Bitumen, Kohle, Graphit, Sand, oxydierte Erde, Wachs und sogar Mohnsamen. Schicht für Schicht legt sie diese übereinander. Dünne Rinnsale, dicke «Lavaströme» und feinste Versprühungen werden so zum «Bild». An einigen Punkten entsteht eine Konzentration, die eruptiv nach allen Seiten hin ausbricht. Mit blindem Aktionismus hat das allerdings nur wenig zu tun. Vielmehr manifestieren sich hier ihre Erfahrungen mit einem bestimmten Raum zu einem festgelegten Zeitpunkt. Der letzte Akt der Schicht-Arbeit ist oft ein schmerzhafter Prozess. Cristina Fessler zerschneidet ihr «Bild», nicht um es zu zerstören, sondern um es an der Wand, der Decke oder wieder zusammen am Bild in eine neue Ordnung zu bringen. Wenn Cristina Fesslers Arbeitsergebnisse konventionellen Bildvorstellungen und ästhetischen Kriterien voll genügen, dann ist das durchaus in ihrem Sinn. Sie versucht sich zwar während der Arbeit ganz von den Energien steuern zu lassen, die von ihren Schichten und Zentren ausgehen, aber auch sie weiss, dass sie keineswegs alle Bildvorstellungen eliminieren kann. Trotzdem will sie sozusagen mit jedem Bild «beweisen», dass auch ohne ständig eingreifende Kontrollinstanzen Ordnungen entstehen. Jedes Bild entwickelt sich so nach einem eigenen, nur für es selbst wesentlichen Gesetz. Auszug Hanne Weskott, 1986